Von Politiker-Schablonen und Konkurrenzverhalten – wie sich Frauen gegenseitig stärken

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Ria Schröder

Wo zeigt sich eine Ungleichbewertung von Männern und Frauen in der Politik? 

Wie lassen sich mehr Frauen für politische Debatten stärken? 

Wie nutze ich Netzwerke als Erfolgsbeschleuniger? 

Diese und weitere Fragen beantwortet Ria Schröder im Rahmen der Interviewreihe “Einstieg. Aufstieg - für Frauen in Politik & Verbänden”. 


Ria Schröder

MdB, FDP-Bundesvorstand


Frauen werden für Dinge kritisiert, die bei Männern oft ganz ok sind

Es gibt eine explizite Form der Ungleichbehandlung, z.B. wenn eine Frau reinkommt und gefragt wird, ob sie noch mal ein Bier bringen könnte. 

Zudem gibt es auch eine subtilere, nicht so offensichtliche Ebene der Ungleichbewertung. Dies ist oft mit einem bestimmten Bild in den Köpfen verbunden - praktisch einer Blaupause wie sich Menschen Politiker vorstellen. 

Historisch gewachsen ist dieses Bild eines Politikers meist männlich, weiß, zwischen 40 und 70 Jahre, Anzug, Krawatte. Jeder, der nicht diesem Bild entspricht, der bzw. die muss erstmal rechtfertigen, warum sie in der Politik aktiv ist (z.B. auf einem Podium sitzt oder sich an einer Diskussion beteiligt). Dies führt dazu, dass Männer oft milder beurteilt werden oder die Anforderungen nicht ganz so hoch gesetzt werden. Zugleich wird ein Fehler, den eine Frau macht, häufiger wieder erwähnt. 

Beispiele der letzten Jahre sind aus meiner Sicht Andreas Scheuer und Philipp Amthor, die sich viele Verfehlungen geleistet haben und trotzdem wieder aufgestellt wurden bzw. in den entsprechenden Ämtern verblieben sind. Im Gegensatz dazu haben Annegret Kramp-Karrenbauer und Andrea Nahles trotz relativ kleiner Fehler viel mehr Gegenwind bekommen und ihre Fehler wurden viel öfter in der Öffentlichkeit wiederholt, was zu einem negativeren Bild führte.  

Je mehr man von der Schablone des typischen Politikers abweicht, desto eher ist man auch Hasskommentaren und Angriffen ausgesetzt. 

Sich gesellschaftlich bewusst zu machen, dass häufig mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird, ist aus meiner Sicht der erste Schritt, um zu einer Verbesserung zu kommen.


Die Stärkung von Frauen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe  

Unser gemeinsames Ziel sollte sein, dass sich mehr Frauen an politischen Debatten beteiligen (können). 

Sowohl Frauen als auch Männer sollten dafür eintreten, dass wir einen öffentlichen Raum haben, in dem jede*r seine Meinung äußern kann. Auch im Internet darf niemand durch Einschüchterungen zum Schweigen gebracht werden. 

Wenn in einem Meeting oder einer Konferenz einer Frau immer wieder ins Wort gefallen wird, ist es nicht nur Aufgabe der Frau, sich Gehör zu verschaffen, sondern es ist eine Aufgabe von allen, einen Raum zu schaffen, in dem jede Stimme gehört wird. 

Ich bin in einem sehr männlichen Umfeld aufgewachsen - mit drei Brüdern, vielen männlichen Freunden und in einer eher männlich geprägten Partei. Ich fühle mich in diesem Umfeld durchaus wohl und es hat mich anfangs auch gar nicht gestört, dass wir recht wenige Frauen (in der Politik) haben. 

Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass das auch was mit mir und mit meinen Möglichkeiten macht und dass es gut ist, wenn noch mehr Frauen dabei sind.


Frauen sollten sich nicht als Konkurrentinnen sehen,
sondern sich gegenseitig unterstützen

Für mich war es sehr entscheidend aufzuhören, Frauen als Konkurrentinnen zu sehen. Ich konkurriere nicht mit ihnen um Aufmerksamkeit, Länge der Wortbeiträge oder Listenplätze. Letztendlich sind wir Kolleginnen und machen die gleichen Erfahrungen. 

In dem Moment, in dem ich andere Frauen nicht mehr als Konkurrentinnen betrachte und auch nicht nach ihren Fehlern suche oder mich an Lästereien beteilige, wird vieles positiver für alle. 

Ich muss mich natürlich nicht automatisch einverstanden zeigen, mit dem was Kolleginnen inhaltlich sagen, doch ich sollte mich dafür einsetzen, dass jede zu Wort kommt. Wenn jemand sagt: "Der kann ich gar nicht zuhören, die hat so eine grelle Stimme" kann ich widersprechen und sagen: "Es geht doch gar nicht darum wie die Stimme ist, sondern darum, was jemand zu sagen hat." 

Frauen, die an der Spitze angekommen sind, sollten nicht denken, nur weil sie es geschafft haben, sind ja alle Hürden beseitigt und jede kann es schaffen. Mit dieser Einstellung werden viele strukturelle Benachteiligungen übersehen. 

Wir haben erst dann eine gleichberechtigte Gesellschaft, wenn es nur noch vom Zufall abhängt, ob wir mal 40% oder mal 60% Frauen in den Parlamenten haben. Da wir jedoch in allen politischen Bereichen weniger Frauen haben, sollten wir die Mechanismen erkunden, die dies bewirken und diese abbauen. 

Als Frau in einer verantwortungsvollen Position trage ich auch die Verantwortung, das System von innen heraus (für Frauen) zu verbessern und andere Frauen zu fördern. Wenn ich anderen Frauen die Hand ausstrecke und sie mit nach oben ziehe, macht das auch mich stärker und sorgt dafür, dass ich nicht als Quotenfrau gelte oder in einer Runde, in der ich die einzige Frau bin, immer auf mein Frausein reduziert werde. 

In dem Moment, wo mehrere Frauen am Tisch sitzen, bin ich nicht mehr "nur" für die Frauenperspektive da, sondern für meine individuelle Perspektive.

Es gibt häufiger den Fall von “Frauenplätzen”, also dass bestimmte Listenplätze für Frauen vorgesehen sind und dort dann zwei oder mehr Frauen gegeneinander kandidieren. Frauen sollten in dieser Situation miteinander reden und sich auf keinen Fall gegeneinander ausspielen lassen.


Netzwerke sind ein Erfolgsbeschleuniger

Wir Frauen sollten viel öfter Netzwerke bilden. Das bedeutet nicht, dass wir miteinander befreundet sein müssen. Frauen pflegen häufig lieber einige wenige Kontakte und die dafür sehr gut, als viele lose Kontakte. Doch beim Netzwerken kommt es darauf an, zu vielen Leuten einen Draht zu haben, den ich aktivieren kann. Von Frauen höre ich oft: "Ich kann die doch nicht nur anschreiben, weil ich was von ihr will." Dabei ist genau das wichtig. 

Ich möchte, dass die Frauen in meinem Netzwerk mich konkret anschreiben, denn dann kann ich ihnen auch helfen. Ich bin nicht beleidigt, wenn sich eine Frau aus dem Netzwerk lange nicht meldet, sondern im Gegenteil freue ich mich, wenn sie anruft und ich weiß, dass ich sie jederzeit anrufen kann. 

Wir sollten Gelegenheiten nutzen, neue Menschen kennenzulernen und Kontaktdaten austauschen. Es gilt im Blick zu behalten, wen habe ich in meinem Netzwerk und für wen könnte was interessant sein (z.B. Veranstaltungen oder Anträge). 

Beim Netzwerken sollten wir nicht nur auf der gleichen Ebene schauen (also wer hat schon das erreicht, wo ich auch bin). So wie ich von Leuten lernen kann, die schon mehr erreicht haben als ich, können auch Leute, die noch nicht da sind, wo ich bin, von meinen Erfahrungen profitieren. Gleichzeitig profitiere ich von ihren neuen Sichtweisen auf bestimmte Dinge und kann von ihnen etwas lernen. 

Wenn wir grübeln, ob sich jemand überhaupt noch an uns erinnert, sollten wir ihn oder sie einfach kontaktieren. Natürlich führt das nicht immer zum Erfolg, doch es kann daraus auch etwas wirklich Tolles entstehen. Das finden wir nur raus, wenn wir es probieren. 

Die meisten Anfragen für eine Zusammenarbeit sind win-win. Wenn wir uns gegenseitig in unseren Netzwerken vorstellen (so wie mit diesem Interview) lernen wir uns besser kennen und profitieren alle davon. 

Beides ist wichtig: Netzwerken mit Frauen untereinander und Netzwerken mit Männern.


Mein Appell: 

Frauen, engagiert euch - wir brauchen viel mehr stimmgewaltige Frauen in allen Teilen der Gesellschaft!

Unterstützt euch gegenseitig und seid auch mal milde gegenüber denjenigen, die einen Fehler gemacht haben und konzentriert euch lieber auf das gemeinsame Ziel.

Datum des Interviews: 04.05.2021

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Moin, ich bin Janina Tiedemann.

Ich bin Moderatorin und stärke als Trainerin und Speakerin seit 6 Jahren Frauen für Führungspositionen in Politik & Verbänden.
Wir brauchen tolle Frauen, die die Gesellschaft gestalten wollen!

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