Wie schafft man sich eine Wohlfühlatmosphäre in der Spitzenpolitik?

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Karin Logemann

Was können Politiker*innen von Erzieher*innen lernen?  
Wie bereite ich mich auf neue Themen oder Fragen vor?  
Wie begegne ich männlichen Spielregeln in der Agrarwelt?

Diese und weitere Fragen beantwortet Karin Logemann im Rahmen der Interviewreihe “Einstieg. Aufstieg - für Frauen in Politik & Verbänden”.


Karin Logemann

Landtagsabgeordnete SPD


Mein Weg in die Politik

Von der Erzieherin, über den Journalismus bis in den Landtag habe ich einige Wege bestritten.Ich habe mich immer viel engagiert und das Fundament für mein politisches Engagement hat die ehrenamtliche Arbeit gelegt, welche im Reitverein begann. 

Das ging dann über diverse Sportvereine in die Elternarbeit über, da ich als Mutter von drei Töchtern gerne mitgestalten wollte. Über die Elternarbeit bin ich dann im Rat als Bildungspolitikerin gelandet. Dort war ich für die Grundschulen und anschließend auch für die weiterführenden Schulen im Kreis Wesermarsch verantwortlich. Im Kreis habe ich dann den Schulausschuss geleitet.


Die größten Unterschiede zwischen meiner Arbeit in der freien Wirtschaft
und der Arbeit in der Politik

Das Zuhören habe ich als Erzieherin und als Journalistin gelernt und merke immer wieder, dass es insbesondere als Frau nach wie vor schwieriger ist, in der Politik Gehör zu finden. 

Ich habe festgestellt, dass das “Zuhören” in der Politik aus verschiedensten Gründen nicht so stark vorhanden ist, beziehungsweise nicht gelebt wird; da kann man sich sicherlich noch etwas abgucken.

Das habe ich in vorherigen Berufszweigen meiner Karriere als leichter empfunden.
Als Journalistin habe ich natürlich gelernt Fragen zu stellen. Das Selbstverständnis und auch das Selbstvertrauen, dass es okay ist Fragen zu stellen und dass es nicht automatisch die eigene Schuld ist, wenn man etwas nicht auf Anhieb verstanden hat und man aufgrund dessen noch einmal eine Rückfrage stellt, das musste auch ich lernen.

Aber durch die journalistische Arbeit hatte ich eine gute Basis Fragen zu stellen; ich musste lediglich lernen es auch zu tun. Nachdem ich dies tue, kommen oft Leute zu mir und bedanken sich, dass ich entsprechende Fragen gestellt habe. 

Wenn ich etwas nicht verstanden habe, sollte ich mich nicht “dumm” fühlen, sondern kann es auch so sehen, dass es meinem Gegenüber einfach nicht gelungen, mir etwas verständlich zu erklären.


Wie bereite ich mich auf neue Themen oder Fragen vor?

Eine gute Vorbereitung ist mir wichtig und gibt mir Sicherheit. Gleichzeitig bin ich ein sehr empathischer Mensch und so mache ich es manchmal auch wirklich aus dem Bauch heraus und beziehe ohne große Vorbereitung direkt Stellung zu einem Thema. 

In Momenten, in denen ich nicht die perfekte Antwort auf eine Frage habe, die mir gestellt wird oder mir Hintergrundwissen fehlt, ich aber trotzdem Selbstsicherheit ausstrahlen muss, merke ich mir diese Frage und eigne mir das Wissen im Anschluss an.
So kann ich dann zeitnah die Person noch einmal kontaktieren und eine fundiertere Rückmeldung geben. Mir ist es wichtig eine sehr ehrliche Umgangsweise mit meinen Antworten zu pflegen. Dann kann ich für mich auch vertreten, einer Person zu antworten: „Tut mir leid, das weiß ich gerade nicht in aller Tiefe. “
Denn schließlich bin ich bei uns im Kreis für so vieles verantwortlich, da ist es nicht möglich zu allen Themen und Fragestellungen alles bis in die Tiefe zu kennen und zu wissen.

Themen bei denen es unabdingbar ist, dass ich mich sehr detailliert vorbereite, behandle ich entsprechend.
Wenn ich zu etwas Stellung beziehen oder Auskunft geben muss, das im Anschluss daran direkt andere Menschen betrifft, ist es wichtig, dass meine Antwort korrekt ist, da bin ich dann auch sehr genau und recherchiere gründlich. 

Ich lese mich gut ein und höre mir unterschiedliche Meinungen an. Gerne gehe ich auch in den Austausch mit mir nahestehenden Personen wie meinen Töchtern, meinen Schwiegersöhnen, meinen Enkelkindern und deren Freunde, meiner Mutter oder meinem Mann. Im Land ist man oft in einer Art Parallelwelt und es ist mir daher wichtig, dass ich nie meine Ursprungswelt verlasse. 


Wohlfühlatmosphäre innerhalb der Politik

Ich weiß nicht, ob das Thema Vertrauen und Politik immer so gut zusammen passt.
Das ist schon ein ziemlicher Kulturschock und es kann passieren, dass man etwas allein in der politischen Welt ist. Es kann sein, dass die Person mit der du dich heute anfreundest, morgen ein*e Konkurrent*in ist und das ist dann einfach eine schwierige Situation. 

Es ist auch nach wie vor so, dass wir leider immer noch viel zu wenige Frauen in der Politik vertreten haben.
Wir bilden zwar 50% der Bevölkerung ab, werden aber von etwa 80% Männern regiert. Daher nehme ich selbst auch super-gerne Mentorinnen an, die in der Politik aktiv werden wollen.
Ohne dies jetzt despektierlich darstellen zu wollen, Frauen und Männer sind einfach unterschiedlich, auch im Bezug auf ihre Sprache. 

Man braucht also als Frau in der Politik schon ein dickeres Fell. Wenn man sehr zart besaitet ist, wird es wirklich schwierig. Auch wird immer wieder gesagt, Frauen müssen in der Politik doppelt so gut sein wie Männer.
Das ist schon eine sehr große Herausforderung. 


Männlichen Spielregeln in der Agrarwelt begegnen

Durch meine Tätigkeit im Agrarbereich bin ich viel unter Männern.
In der Regel bin ich sehr gut für Termine vorbereitet, habe meine Meinung und vertrete diese auch.

Mir ist es nun schon öfter passiert, dass ich etwas gesagt habe und einige Zeit später sagt ein Mann exakt das Gleiche und dieser Mann wird dann mit meiner Aussage zitiert. Das erlebe ich immer wieder.
Ich habe mir dann irgendwann überlegt wie ich damit umgehen möchte und habe für mich entschieden, in diesen Momenten zu sagen: „Oh, das ist ja schön, dass Sie mich hier zitiert haben“.

Also gehe ich noch einmal darauf ein, dass das ja von mir kam. Das kommt nicht immer gut an. Manchmal kommt dann ein: „Ja danke Frau Logemann“ oder so etwas in der Art, aber manchmal wird es auch überhört. 

Ich persönlich muss immer sehr aufpassen auch mal meinen Mund zu halten, was mir sehr schwer fällt.
Vor allem wenn ich weiß, dass ich es sollte, fällt es mir noch schwerer.

Aber es geht mir immer um die Sache und was für die Wesermarsch wichtig ist.
Ich bin nicht in einer Partei groß geworden.
Ich fühle mich in der SPD sehr gut aufgehoben, weil ich ein sehr sozialer Mensch bin. 


Mein Tipp für Frauen die ein hohes politisches Amt anstreben

Da fällt mir direkt das Zitat ein „Ich muss am Ende des Tages in den Spiegel gucken können“. 

Ich muss mich bei dem was ich tue gut fühlen. Wenn ich merke, dass das nicht der Fall ist, dann ändere ich es. Und es ist wichtig, dass ich mich auch entschuldigen kann, wenn ich einen Fehler gemacht habe. 

Mein Tipp ist es, sich eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen und niemals mehr zu machen als das, womit man sich wohlfühlt. Man sollte sich nie überfordern und wächst an seinen Aufgaben.

Mein Appell: 

Traut euch! Ihr seht es an mir, ich bin eine ganz schlichte Frau, die ursprünglich einmal Erzieherin gelernt hat und die es trotzdem geschafft hat Landtagsabgeordnete zu werden.
Mit dieser Vita möchte ich euch einfach Mut machen. 

Daher bitte gerne mehr Mut.

Datum des Interviews: 17.09.2021

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Moin, ich bin Janina Tiedemann.

Ich bin Moderatorin und stärke als Trainerin und Speakerin seit 6 Jahren Frauen für Führungspositionen in Politik & Verbänden.
Wir brauchen tolle Frauen, die die Gesellschaft gestalten wollen!

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